Vertrauenskrise oder Das ewige Leid mit der Psyche
Von: BERND SCHMIDT Ausgabe 15, 07.01.2003
Bekanntlich bestimmt zu 90 Prozent die Psyche das Kursgeschehen an den Börsen dieser zunehmend depressiven Welt. Deshalb sind die allgemeinen Aussichten, angelehnt an die Erfahrungen der letzten knapp drei Jahre, sehr verhalten: Zwar prognostizieren die Banken zum Jahreswechsel 2003/2004 laut der traditionellen HANDELBLATT – Umfrage vom 30./31. Dezember 2002 im Schnitt einen DAX®-Endstand von 3.915 Indexpunkten. Das wäre immerhin ein Zuwachs von gut 35% zum Schlußstand im gerade ausgelaufenen 2002 (siehe unten), doch sehen dieselben Institute weiterhin starke Schwankungen und weitestgehend auch einen Test der alten Tiefs (im DAX® zum Beispiel bei 2.519,30) voraus.
Diese doch positive Sichtweise wird von der Statistik belegt, dass der DAX® noch nie zuvor vier Jahre in Folge verloren hat, beim DOW JONES INDUSTRIAL INDEX war diese Negativserie nur einmal (1929 bis 1933) zu beobachten. Erstmals seit 1941 schlugen Staatsanleihen das dritte Jahr in Folge Aktien. Fundamental begründet man die fortschreitende Erholung wieder einmal mit einer weltweiten konjunkturellen Erholung, die allerdings in Ansätzen bei gewissen technischen Indikatoren auch bereits zu erkennen ist, zumal die Restrukturierungsmaßnahmen der Unternehmen langsam aber sicher greifen, die niedrigen Zinsen tragen ihren Teil dazu bei.
Versucht man die aktuelle und alles entscheidende Psyche der Marktteilnehmer zu beschreiben, so sähe das so: Zum einen fehlt der Mut in einen steigenden Markt zu kaufen. Man wartet auf die Korrektur. Sobald aber die Kurse deutlich nachgeben, dominiert plötzlich die Angst vor einer neuen Abwärtsspirale. Diese Denkweise führt in der Konsequenz dazu, dass man erst dann kauft, wenn der Markt bereits sehr stark und lange gestiegen ist. Es gilt also heute und jetzt die Emotionen abzulegen, den kühlen Kopf zu bewahren, erst recht nicht mehr zu verkaufen, sondern sich, insofern die Möglichkeiten gegeben sind, auf die Käuferseite zu schlagen!!!
Jede Erholung, von welchem Niveau auch immer, beginnt zunächst mit einer heftigen technischen Reaktion auf einen stark überverkauften (durch Verkäufe dominierten) Markt. Aus dieser technischen Reaktion entwickelt sich unter sehr viel Angst vor weiteren Verlusten ein neuer Trend. Von den Tiefs im September 2002 haben sich die Indizes gut 14% (Relation der Jahresschluss-Stände zu den Jahrestiefständen, siehe unten) nach oben bewegt, allerdings hatten die Märkte kurz zuvor noch mit ca. plus 30% vorn gelegen. Verkäufe aus steuerlichen Gründen drückten zum Jahresende wieder auf die Kurse, hinzu kam die sich verdichtende Angst vor einem erneuten Irak-Krieg. Dieser Krieg ist übrigens mittlerweile in den Kursen enthalten, allerdings nicht ein längerer Krieg… 1991 fielen die Kurse im Vorfeld des Krieges. Als der Krieg dann letztendlich ausbrach und sehr schnell abzusehen war, dass er schnell vorbei sein würde, erholten sich die Aktienkurse weltweit rasant…
Verkäufe allerdings zu Gunsten einer Neupositionierung sind immer zu empfehlen, es hat keinen Sinn auf vermeintlichen „Portfolio-Leichen“ sitzen zu bleiben, dort Kapital zu binden, wenn man es anderen Ortes vermeintlich gewinnbringender einsetzen kann… Die Hoffnung stirbt immer zuletzt…
Die Schlußstände
| 31.12.2001 | 31.12.2002 | Jahreshoch | Jahrestief | |
| Deutscher Aktienindex DAX® | 5.160,10 | 2.892,63 | 5.467,31 | 2.519,30 |
| VDAX | 26,07 | 46,55 | 59,39 | 18,51 |
| Nemax AllShare | 1.095,83 | 405,62 | 565,32 | 353,00 |
| Dow Jones Eurostoxx 50 | 3.806,13 | 2.386,41 | 3.864,08 | 2.115,32 |
| Dow Jones Industrial | 10.021,50 | 8.341,63 | 10.672,89 | 7.197,49 |
| Nasdaq Composite | 1.950,40 | 1.335,49 | 2.098,88 | 1.108,49 |
| Nikkei | 10.457,61 | 8.714,00 | 12.081,45 | 8.197,22 |