Ausgabe 5, 31.07.1999
Versuchte man die allgemeine Stimmung an den Börsen einzufangen und auf einen Begriff zu reduzieren, so wäre „Vorsichtiger Optimismus“ der treffendste Ausdruck. Mit relativ großer Wahrscheinlichkeit liegen die Tiefstände der Korrektur, die vor zwei Jahren in Thailand ihren Anfang nahm, hinter uns. Inzwischen hat man national und international Vorkehrungen zur Stabilisierung der Finanzsysteme getroffen. Weltweit sind die Aktienkurse inzwischen teurer als vor dem Ausbruch der Krise.
Der Optimismus ist vorsichtig, weil zur Zeit immer noch gewisse Risiken auf den Märkten lasten:
- Saisonale Schwäche: Historisch gesehen sind die Monate Juli bis Oktober allein urlaubsbedingt schwache Börsenmonate. Positiv gesehen sind diese Monate ideal zum Kaufen, da die folgenden Monate in der Regel durch steigende Kurse gekennzeichnet sind.
- Asien: Das Rückschlagpotential in Asien hat sich nach der sehr scharfen Erholung (Verdoppelung seit Oktober 1998) erhöht. Ein Rückgang sollte aber nur kurzfristig sein und sich auf 15 bis 25 % begrenzen. Die letzten zwei Juliwochen haben bereits Konsolidierungen in dieser Größenordnung gezeigt. Da die historischen Höchststände noch bis zu 300 % entfernt sind und Währungsgewinne winken, lautet die Devise: Einsteigen bzw. Positionen halten. Mein Tipp: Thailand.
- Andere Schwellenländer: Die finanzpolitischen Probleme in Lateinamerika und Osteuropa (insbesondere Rußland) sind noch recht jung. In Lateinamerika stehen Argentinien, Brasilien und Mexiko im Sorgenzentrum. Man glaubt jedoch nicht an einen tatsächlichen Ausbruch der Krise. Investments in diesen Regionen sind mittelfristig zu sehen, ideal für schrittweise Investitionen wie Sparpläne mit einem Anlagehorizont von mindestens drei bis fünf Jahren.
- Zinsen in Industrieländern: Die Gedanken der Börsianer kreisen um die Zinsen. Die USA haben am 30. Juni 1999 mit einer Zinserhöhung die Trendwende manifestiert. In Europa verteuerten sich langfristige Gelder binnen vier Wochen um einen ganzen Prozentpunkt. Kurzfristig kann man von wieder leicht sinkenden Zinsen ausgehen, mittelfristig werden sie aber weiter anziehen. Die Gefahrenzone für Aktien beginnt bei einer Umlaufrendite von 6 %. In den USA ist diese Marke mit 6,01 % bereits erreicht, in Europa liegen wir bei 4,49 %, weshalb die europäischen Aktienmärkte von der Zinsseite noch nicht in Gefahr sind.
Ein Barometer für die wirtschaftliche Entwicklung Europas ist der Euro (€). Nach seiner Einführung verlor er gegenüber dem US-Dollar in der Spitze ca. 15 %, was der Exportwirtschaft geholfen hat. Mit dem verbesserten konjunkturellen Umfeld dürfte der Euro seine Tiefstände Mitte Juli gesehen haben. Man kann davon ausgehen, dass der europäische Aktienmarkt allein von der Währungsseite her an Attraktivität gegenüber der Wall Street gewinnen wird.
FAZIT
Stellt man die wiedererstarkende europäische Wirtschaft mit dem fester werdenden Euro der überhitzten US-Wirtschaft gegenüber, so sollte sich ein Engagement in europäischen sowie asiatischen Aktien auf Sicht von ca. zwölf Monaten mehr als lohnen. Dies gilt auch, wenn die USA die Zinsen Ende August erneut anheben. Spätestens im vierten Quartal sollten die Aktienkurse ihre Aufwärtstendenz wieder nachhaltig aufnehmen. „Vorsichtiger Optimismus“ ist der Boden, auf dem die nächste Hausse (Aufwärtsbewegung) gedeiht.
Die wichtigsten Marktkennzahlen
| Börsenplatz | Index | Stand 31.12.1998 | Stand 31.07.1999 | Veränderung zum 31.12.1998 | Kursziel bis 30.06.2000 | Veränderung zum 31.07.1999 |
| FRANKFURT | DAX (Xetra) | 5.006,57 | 5.101,87 | 1,90% | 6.500-7.500 | 27-47% |
| EUROPA | EUROSTOXX 50 | 3.342,32 | 3.638,62 | 8,87% | 5.000-5.500 | 37-51% |
| NEW YORK | DOW JONES INDUSTRIAL | 9.181,43 | 10.655,15 | 16,05% | 12.000-13.000 | 12-22% |
| TOKIO | NIKKEI | 13.842,17 | 17.861,86 | 29,04% | 22.500-27.500 | 25-53% |
| BANGKOK** | SET | 355,81 | 456,81 | 28,39% | 650-750 | 42-64% |