„Das Weltfinanzsystem steht unter Drogen“ Jürgen Stark (Ex EZB-Chefökonom)
Karfreitag, 06.04.2012
Erinnern Sie sich noch an „Das große Bankenbeben“? Mir fiel diese Woche zufällig noch die HANDELSBLATT Ausgabe des 09./10. September des vergangenen Jahres mit genau dieser Überschrift in die Hände. Weiter hieß es: „Im Jahr drei nach der Lehmann-Pleite sind es erneut die Finanzinstitute, die die globale Konjunktur gefährden. Eben erst hatten die Staaten die Banken gerettet und sich dabei verhoben. Jetzt ziehen hochverschuldete und womöglich zahlungsunfähige Staaten wieder die Banken nach unten. Dieses Mal sind es klassische Staatsanleihen, also Papiere, die lange Zeit als die sichersten galten.“
Damit sind wir in medias res („mittendrin“): Die Welt hat ihre Rücklagen weitestgehend in diesen vermeintlich sicheren Papieren investiert. Der Umdenkprozess, das Infrage Stellen dieser Investition, hat gerade erst begonnen! Die Reaktion bzw. die Umsetzung des Ergebnisses dieses Prozesses steht in Gänze noch bevor und wird sich konsequenterweise auf Sachwerte, insbesondere Aktien, aber auch auf Immobilien, auf der anderen Seite jedoch ebenso auf diesen vermeintlich sicheren Hafen, die Staatsanleihen, auswirken. Die Intensität dieser Entwicklung lässt sich schwer vorhersehen und entzieht sich der eigenen Vorstellungskraft. Die Entwicklung des REXP – siehe unten in den Indizes – deutet hier mit einem Verlust von 8,13 % in drei Monaten, während der DAX 17,78% zulegte, allerdings bereits eine Tendenz bzw. die Wechselwirkung an!
Erinnern Sie sich noch an die Euro-Bonds und die damit heftig insbesondere in Deutschland geführte Diskussion? An das stoische Abwehrverhalten unserer Kanzlerin? Vom Tisch! (Gut so!)
Erinnern Sie sich an den Schuldenschnitt in Griechenland? Exakt vier Wochen ist es her (09. März 2012), als Griechenland 53,5 % oder ca. 100 Milliarden Euro erlassen wurden. Für die Aktienbörsen war es seit Anfang diesen Jahres bereits kein Thema mehr. Lassen Sie sich das durchaus einmal genüsslich auf der Zunge zergehen: Anleger, die ihr Geld in Staatsanleihen sicher glaubten, haben definitiv 46,5 % ihres Einsatzes verloren! Das ist vergleichbar mit einem Kursverlust, den Sie mit dem Verkauf entsprechend realisierten, einloggten! Nur am Rande: Diese Risiken eines Schuldenschnittes, auch „Haircut“ genannt, bestehen weiterhin in Portugal, Irland, Italien, Spanien immer noch! (Nur der Buchstabe G für Griechenland ist bereits aus dem Kürzel „PIIGS“ herausgefallen) Sicherheit sieht anders aus. Die Inflationsrisiken bitte nicht vergessen. Folglich: Es gibt keine Alternative zu Sachwerten, insbesondere Aktien!
Thematisch passend zum Vorangegangenen: zur Überschrift und zum HANDELSBLATT Interview vom 23./24. März 2012 mit Jürgen Stark, dem zurückgetretenen Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB):
„HANDELSBLATT:…die Staaten haben ihr Lektion nicht gelernt?“
STARK: So ist es. Weder bei der Bewältigung der Finanzkrise noch bei der Wirtschaftskrise. Sowohl die Weltwirtschaft als auch das Weltfinanzsystem stehen erneut unter Drogen. Die Zentralbanken rund um den Globus haben die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet, und wir können in vielen fortgeschrittenen Volkswirtschaften keinen Versuch erkennen, die Fiskalpolitik in den Griff zu bekommen. Man befürchtet kurzfristig negative Folgen für das wirtschaftliche Wachstum. Deshalb wird die Konsolidierung geschoben. Das gilt nicht nur für die USA. Dabei ist die explodierende öffentliche Verschuldung zunehmend ein Wachstumshemnis.“
Der Rücktritt Jürgen Starks, einer Person, die für nachhaltiges Denken für die Geldwertstabilität unserer Währung und unseres Finanzsystems steht, und die sehr nah am Geschehen unserer Zeit zugegen war, darf uns alle ins Grübeln und hoffentlich auch ins Handeln bringen!
Übrigens: Den Kopf in den Sand zu stecken und sein Geld im Tagesgeld bei 2% Guthabenszins und 3% Inflation zu belassen, ist allenthalben ein kurzfristiges Mittel, aber mit Nichten eine mittelfristige, echte Lösung! Deshalb an dieser Stelle meine ausdrückliche Aufforderung, sich der Situation bewusst zu werden und im Anschluss konsequent zu handeln!
Die Indexschlussstände
| 31.12.2011 | 31.03.2012 | Saldo | 52 Wochenhoch | 52 Wochentief | |
| Deutscher Aktienindex DAX® | 5.898,35 | 6.946,83 | +17,78% | 7.600,41 | 4.965,80 |
| VDAX | 28,59 | 19,09 | -33,23% | 47,30 | 14,99 |
| TecDax | 685,06 | 789,87 | +15,30% | 952,44 | 616,87 |
| Dow Jones Eurostoxx 50 | 2.316,55 | 2.477,28 | +6,94% | 3.029,68 | 1.934,50 |
| Dow Jones Industrial | 12.217,56 | 13.212,04 | +8,14% | 13.289,08 | 10.404,57 |
| Nasdaq Composite | 2.605,15 | 3.091,57 | +18,67% | 3.133,97 | 2.298,89 |
| Nikkei 225 | 8.455,35 | 10.083,56 | +19,26% | 10.255,15 | 8.135,79 |
| REXPO | 425,226 | 390,668 | -8,13% | 425,358 | 380,129 |